Donnerstag, 9. Mai 2019

„Der Lebensmittelverband profiliert sich bisher als Verhinderer gesunder Ernährung“

Zur Ankündigung des Herstellers Iglo, den Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL (Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V.) zu verlassen, kommentiert Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG):
„Wir begrüßen die Entscheidung von Iglo, nicht länger einen Verband zu unterstützen, der die Zeichen der Zeit in Sachen gesunde Ernährung verschlafen hat. Der BLL profiliert sich bislang als Verhinderer vieler wissenschaftlich empfohlener Maßnahmen zur Eindämmung von Übergewicht. Dies wurde zuletzt deutlich bei der Diskussion um den Nutri-Score, der ebenfalls nicht vom BLL unterstützt wird, obwohl bereits fünf deutsche Hersteller, darunter Iglo, das Kennzeichnungssystem eingeführt haben oder dies planen. Iglo zeigt, dass es auch anders geht und die Lebensmittelindustrie Teil der Lösung sein kann und will. Für den BLL muss dies ein Weckruf sein, seine Blockadehaltung in Sachen gesunder Ernährung aufzugeben. Ein konkreter Schritt wäre die Unterstützung des Nutri-Scores als europäische Lösung einer verständlichen Lebensmittelkennzeichnung.“
Kerstin Ullrich Pressestelle
Deutsche Diabetes Gesellschaft

Das große Pflanzensterben trifft uns alle: öffentliche Diskussion zum Artensterben greift zu kurz

Dem am Montag vorgelegten Bericht des Weltbiodiversitätsrats zufolge sind eine Million Pflanzen- und Tierarten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. „Doch die aktuelle mediale, politische und öffentliche Diskussion zum Thema Artensterben greift zu kurz!“ gibt Thomas Borsch, Biologe und Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin der Freien Universität zu bedenken und fordert eine weiterreichende Diskussion zum Artensterben.
„Es geht nicht nur darum, dass eine Millionen Arten komplett von unserem Planeten verschwinden werden. Zugleich erfahren die übrigen Arten massive Verluste ihrer genetischen Vielfalt. Diese ist aber der Garant für ein Überleben der Art – und somit ist das Artensterben noch viel dramatischer, als bislang diskutiert.“ so Thomas Borsch weiter. 
„Alarmierend ist: Auch früher häufigen Pflanzenarten geht es massiv an den Kragen“, weiß Thomas Borsch aus eigener Forschungsarbeit. „Die Intensivierung der Landnutzung aber auch das Ausräumen der Landschaft gerade in den letzten 20 Jahren hat zu einem flächenhaften Verlust vieler Pflanzen und anderer Organismen geführt.“, sagt Thomas Borsch weiter. Ein sichtbares Beispiel ist die als Heilpflanze bekannte Arnika (Arnica montana), die heute nur noch in den Alpen häufig – aber in den Mittelgebirgen selten und im Norddeutschen Tiefland bereits fast ausgestorben ist. Die Forschungsarbeit des Botanischen Gartens Berlin deckte unlängst die dramatische genetische Verarmung der Arnika in Deutschland auf. 

„Es reicht nicht eine Pflanzenart nur dem Namen nach in Deutschland in einem Schutzgebiet oder Botanischen Garten zu erhalten. Die genetische Vielfalt ist wichtig, um der Art wirklich eine Chance zum Überleben zu geben.“, fordert Thomas Borsch. Denn die genetischen Unterschiede innerhalb einer Art sind natürlicherweise groß, je nachdem in welchem Naturraum die Art vorkommt. Das heißt konkret: Die Arnika, die nahe der Ostsee vorkommt ist nicht die gleiche wie in den Mittelgebirgen oder den Alpen. Grund dafür ist die natürliche Evolution, wodurch sich die Pflanzen im Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt regional angepasst haben. Wie bedeutsam diese Unterschiede innerhalb einer Art in Zukunft werden können, begründet Thomas Borsch: „Gerade die Arnika-Pflanzen des Tieflandes kommen mit wärmeren Bedingungen gut zurecht. Aufgrund des Klimawandels könnten gerade diese Vorkommen ein großes Potential für das Überleben der Art haben: die genetische Vielfalt hilft zum Überleben.“

„Das große Pflanzensterben betrifft uns alle. Denn ohne pflanzliche Vielfalt gibt es kein Überleben!“, unterstreicht Thomas Borsch die Bedeutung von Pflanzen als Grundlage der Natur. Pflanzen spielen eine besondere Rolle in Lebensräumen, denn sie produzieren die Biomasse, von der viele andere Organismen abhängen. Das gilt nicht nur für Insekten, sondern auch für unsere Spezies Mensch – Pflanzen sind die Grundlage unserer Ernährung, sie sind unersetzlich als Rohstoffe, in der Medizin und durch ihre Rolle im Naturhaushalt. 

„Der aktuelle Trend, eine wahllos zusammengestellte Tüte mit Pflanzensamen als Beigabe zu Konsumgütern zu legen, um etwas gegen das Insektensterben zu tun, ist wenig hilfreich!“, kritisiert Thomas Borsch. Dies zeigt zwar, dass die Thematik in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Aber es suggeriert vor allem, dass es eine schnelle Lösung zu einem komplexen Problem gibt. Doch die Beruhigung des Gewissens hilft nicht weiter. „Nötig ist ein ganzheitlicher Ansatz und Wissen über Pflanzen und deren Beziehungen zu anderen Organismen, um lokal und regional gute Maßnahmen umsetzen zu können. Wirklicher Insektenschutz muss vor allem heißen, die natürlichen Lebensräume von Insekten zu schützen oder auch wieder herzustellen. Und dabei spielt die für die Insekten wichtige Pflanzenvielfalt eine Schlüsselrolle, denn gerade seltene Insektenarten sind auf seltene Pflanzenarten spezialisiert.“, führt Thomas Borsch weiter aus.
Die Heilpflanze Arnika (Arnica montana) ist in Norddeutschland bereits fast ausgestorben.Die Heilpflanze Arnika (Arnica montana) ist in Norddeutschland bereits fast ausgestorben.                              Foto: V. Duwe / Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin
„Noch ist es nicht zu spät, aber wir können uns keine weiteren Verluste leisten. Und wir müssen alle aktiv werden! Denn der Motor des großen Sterbens ist der Mensch.“ fordert Thomas Borsch. Ein globales Umdenken vor allem beim Konsumverhalten, Lebensstil, Landwirtschaft und Mobilität ist der Hebel, der den Artenschwund stoppen kann. Und letztlich das Wohlergehen aller Menschen sichern. Aktuell ist das wichtigste, die artenreichen Lebensräume und Vorkommen seltener Arten schnell zu sichern, solange sie noch vorhanden sind. Das kann jedoch nur mit Hilfe entsprechender politischer Weichenstellung gelingen. 

Hintergrundinformation:


Biodiversität wird oft gleich gesetzt mit Artenvielfalt, also der Vielfalt unterschiedlicher Organismen in einem Lebensraum oder einer Landschaft. Das ist jedoch nur eine der drei Ebenen. Bedeutsam ist auch die Vielfalt aller Gene innerhalb einer Art (= genetische Vielfalt). Ebenso zählt die Vielfalt der Lebensräume zur Biodiversität. Internationale wie nationale Strategien zum Erhalt der biologischen Vielfalt thematisieren dies – beispielsweise die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt, die vom Bundeskabinett am 7. November 2007 beschlossen wurde. Sie umfassen Ansätze für einen Schutz der genetischen Vielfalt, Artenvielfalt und Lebensraumvielfalt. 

Schon 38 Prozent der Blütenpflanzenarten in Deutschland gefährdet 
In Deutschland hat sich der Anteil von 31% gefährdeter Arten von Blütenpflanzen (also Bäume, Sträucher, Kräuter, Gräser) im Jahre 1998 auf 38% im Jahre 2018 erhöht. Das belegen die Roten Listen, die vom Bundesamt für Naturschutz in Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen und vielen Ehrenamtlichen erstellt werden.

Die Dahlemer Saatgutbank im Botanischen Garten Berlin besteht seit 1994 und ist Deutschlands älteste Wildpflanzen-Saatgutbank. Sie sammelt Saatgut gefährdeter und seltener Wildpflanzenarten für Artenschutzprojekte, Forschung und für den Tausch zwischen Botanischen Gärten. Im Rahmen spezieller Forschungsprojekte, wie dem vom Bundesumweltministerium geförderten Projekt "Wildpflanzenschutz Deutschland II", werden gezielt die 200 Verantwortungsarten (also gefährdete Arten, deren Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland liegt und für die Deutschland daher eine besondere Verantwortung hat) erforscht, gesammelt und bewahrt. In Zusammenarbeit mit Behörden und ehrenamtlichen Naturschützern werden gezielt Samen und Pflanzen gefährdeter Arten vom Wildstandort vom Botanischen Garten Berlin vermehrt und ausgebracht, um die natürlichen Vorkommen vor Ort zu stärken und zu erhalten.
Gesche Hohlstein Pressestelle Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem
Freie Universität Berlin

Drei Viertel der Flüsse weltweit durch menschliche Eingriffe in ihrem Lauf beeinträchtigt

Globale Studie unter Beteiligung der Universität Tübingen erfasst den Zustand von Flussökosystemen
Weniger als ein Viertel aller Flüsse weltweit fließt auf der gesamten Länge ungehindert durch Staudämme oder menschengemachte Regulierungen ins Meer. Unter den mehr als tausend Kilometer langen Flüssen kann nur rund ein Drittel dem von der Natur vorgegebenen Lauf folgen. Das ergab eine umfangreiche Studie eines großen internationalen Wissenschaftlerteams aus Mitgliedern der Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) und von Forschungseinrichtungen. An der Studie waren maßgeblich Professorin Christiane Zarfl vom Zentrum für Angewandte Geowissenschaften der Universität Tübingen sowie auch Klement Tockner, langjähriger Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und Professor für aquatische Ökologie an der Freien Universität Berlin, beteiligt.

Das Team bezog zwölf Millionen Flusskilometer weltweit in die Studie ein. Untersucht wurde vor allem jeweils die Vernetzung des Flusses mit seinem Überschwemmungsgebiet und dem Grundwasser sowie der Stoffaustausch mit den verbundenen Biotopen – die Forscher fassen diese Eigenschaften als Konnektivität des Flusses zusammen. Diese kann als Maß gelten für den Zustand eines Flusses, der mit ihm verbundenen Ökosysteme und deren Artenvielfalt. Die Quantifizierung und Kartierung sollen außerdem als Grundlage für den Erhalt der letzten naturbelassenen Flüsse dienen und eine Priorisierung von Renaturierungsmaßnahmen unterstützen. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Der Tagliamento in Friaul, Oberitalien, ist einer der letzten Wildflüsse Europas.
Der Tagliamento in Friaul, Oberitalien, ist einer der letzten Wildflüsse Europas.                                                Foto: Christiane Zarfl

Ökosysteme mit großer Artenvielfalt


Frei fließende Flüsse lassen global die Ökosysteme mit der größten Artenvielfalt und Dynamik ent-stehen, vergleichbar tropischen Regenwäldern und Korallenriffen. Zugleich bieten Flüsse zum Bei-spiel für die Süßwassernutzung, Bewässerung in der Landwirtschaft, durch Fischfang und Energie-gewinnung aus Wasserkraft wichtige Lebensgrundlagen für viele Millionen von Menschen. So zählte das Wissenschaftlerteam in der neuen Studie allein rund 2,8 Millionen Dämme, hinter denen Reser-voire von mindestens tausend Quadratmetern Wasserfläche entstanden sind, auf den zwölf Millionen untersuchten Flusskilometern. „Das führt zur Fragmentierung des Flusslaufs und hat teilweise schwerwiegende Auswirkungen auf das ganze Flusssystem“, sagt Christiane Zarfl. Durch die Weiterentwicklung der Infrastruktur für eine steigende Zahl von Menschen seien Flüsse und ihre Ökosysteme weltweit zunehmend bedroht.

Konnektivität als Maß

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelten in ihrer Studie eine neue Methode, um den Zustand eines Flusses zu beurteilen. Zentrales Maß ist dabei die Konnektivität eines Flusses mit Bewertungen zum freien Wasserfluss, zu den Bewegungsmöglichkeiten von Organismen sowie zum Transport von Sedimenten, organischen Stoffen, Nährstoffen und Energie. In die umfassende Untersuchung gingen vier Dimensionen ein: in Fließrichtung, flussauf- und abwärts im Flussbett; über die Flussufer hinaus, zwischen dem Hauptbett des Flusses und der Aue; in vertikaler Richtung zwischen dem Grundwasser, dem Fluss und der Atmosphäre sowie in zeitlicher Abhängigkeit bedingt durch die Jahreszeiten. Darüber beurteilte das Wissenschaftlerteam, welche Flüsse noch als frei fließend betrachtet werden können. „Heute sind sie weitgehend auf abgelegene Regionen wie die Arktis, das Amazonasbecken und das Kongobecken beschränkt“, sagt Christiane Zarfl. „In dicht bevölkerten Erdregionen wie Nordamerika, Europa und Südasien sind nur noch wenige sehr lange Flüsse frei fließend, allen voran der Irrawaddy und der Saluen.“
Amazonasgebiet Brasiliens: Gefluteter Auenregenwald am unregulierten Fluss Paranà do Mamori
Amazonasgebiet Brasiliens: Gefluteter Auenregenwald am unregulierten Fluss Paranà do Mamori                  Foto: Christiane Zarfl
2015 verabschiedeten zahlreiche Nationen beim UNO-Nachhaltigkeitsgipfel in New York Nachhaltigkeitsziele, die auch den Schutz beziehungsweise die Wiederherstellung wassergebundener Ökosysteme vorsehen. Dennoch seien zurzeit mehr als 3.700 neue und große Dämme zur Wasserkraftnutzung in Planung, sagt die Wissenschaftlerin, zum Beispiel in den Balkanstaaten, im Amazonasgebiet, vor allem aber in Asien, in China und im Himalaja. Außerdem seien etwa in Indien, China und Brasilien große Bewässerungsvorhaben geplant oder bereits im Bau, die das Ausbaggern von Flüssen, ihre Kanalisierung oder den Bau von Talsperren oder Dämmen erfordern. „Wir haben nun erstmals ein umfassendes Informationssystem mit hoher Auflösung zu den Flüssen der Erde angelegt. Es soll auch dazu dienen, die Zusammenhänge und Abhängigkeiten der Ökosysteme und die Folgen künftiger Eingriffe deutlich zu machen“, erklärt Christiane Zarfl. Übergeordnetes Ziel sei die Erhaltung der letzten frei fließenden Flüsse der Erde.
Dr. Karl Guido Rijkhoek Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Mittwoch, 8. Mai 2019

Brot-Geschäft in Deutschland: Kampf um die Kruste

Discounter und Supermärkte sind für die Bäcker die größte Konkurrenz geworden. Es geht um Existenzfragen - und um die einzigartige deutsche Brotvielfalt, die die Unesco in Deutschland sogar als immaterielles Kulturerbe führt. Die Branche hat einen «Tag des Brotes» ausgerufen, mit dem sie ihr traditionsreiches Produkt am Dienstag feierte.

Die Bäcker geben sich zuversichtlich: «Die Brotkultur erfährt sein Revival, und die Anzahl der Brotliebhaber wächst», heißt es in der Branche. Bei vielen Kunden aber kommt die Vielfalt nicht an.


Rund 42 Kilogramm Brot tischte jeder deutsche Haushalt 2018 auf, diesen Durchschnitt hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelt. Die Menge sinkt seit Jahrzehnten. Das liegt daran, dass die Haushalte kleiner werden, aber auch an geänderten Gewohnheiten, wie der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks erklärt. Müsli zum Frühstück und abends was Warmes - das geht auch ohne Brot.


Gleichzeitig wächst die Vielfalt. «In Deutschland gibt es über 3.200 Brotspezialitäten und es werden kontinuierlich mehr - eine Vielfalt, die kein anderes Land toppen kann», werben die Bäcker. Wie geht das zusammen?


Die Käufergruppen fallen auseinander. «Die eine Zielgruppe setzt meist auf das klassische Brot oder auch belegte Brote, die andere sucht gezielt nach Brotspezialitäten mit ausgewählten oder ausgefallenen Zutaten», erklärt der Verband.


So kann es vorkommen, dass in angesagten Quartieren der Großstädte wie Berlin-Prenzlauer Berg oder Köln-Ehrenfeld Leute bis auf die Straße Schlange stehen für Brot. Vor jungen Bäckereien, die traditionell arbeiten. Wo der Teig noch stundenlang gehen darf. Ohne Chemie und natürlich bio. Dort erlebt das Brot eine Renaissance. Das Bäckerhandwerk bildet inzwischen sogar Brot-Sommeliers aus, als Botschafter für deutsche Brot-Kultur.


Doch auf dem Land geben immer mehr Bäcker auf. In der Handwerksrolle stehen noch rund 11.000 Bäckereien, gut 4.000 weniger als 2008. Immer mehr Kunden bedienen sich an den ein, zwei Handvoll Brotsorten in den Drahtkäfigen der Discounter.


«Der größte Konkurrent ist heute, vor allem aufgrund seiner extremen Preispolitik, der Lebensmitteleinzelhandel mit unterschiedlichen Konzepten von Aufbackstationen», betont der Zentralverband. Wieviel Brot sie verkaufen, darüber schweigen die Discount-Riesen Aldi und Lidl. Die Kunden nähmen das Angebot sehr gut an, lässt Lidl nur wissen. Nach GfK-Daten kaufen die Bürger inzwischen jedes dritte Brot im Discounter oder Supermarkt.


Dazu trägt bei, dass immer mehr Menschen arbeiten gehen und weniger Zeit haben, nach dem Supermarkt noch zum Bäcker zu laufen. Das nutzt den Großbäckereien, die die Märkte beliefern. Ein Drittel der Backfirmen macht schon mehr als 90 Prozent des Branchenumsatzes.


Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten beobachtet schon eine Weile «ein zunehmend hybrides Kaufverhalten». Will sagen: Wer heute beim Spezialitätenbäcker 100 Gramm Vollkornbrot für 1,30 Euro kauft, holt sich vielleicht morgen für das gleiche Geld beim Discounter ein ganzes Kilo Weizenmischbrot. Der Verband der Großbäckereien spricht vom «homo difusus».


Auf der einen Seite achten Käufer auf mehr Geschmack und Gesundheit, Frische und Bio. «Handwerksbäcker fokussieren sich immer öfter auf ein ausgewähltes, persönliches Kernsortiment», heißt es beim Branchenverband.


«Durch neue beziehungsweise wiederentdeckte Getreidesorten wie Emmer, Einkorn oder auch Dinkel und Zugabe von Früchten oder Gewürzen haben sich viele weitere Variationen gebildet.» Auch Chia und Quinoa sind im Brotregal keine Exoten mehr.


Doch rund 40 Prozent der Kunden interessieren sich weder für Gesundheit noch neue Trends, wie eine Umfrage der Uni Göttingen und der Marketingberatung Zühlsdorf ergab. Darunter sind vor allem Männer sowie Menschen, denen mitunter das Kleingeld fehlt, sich den besonderen Geschmack zu leisten.


Quelle: dpa


Donnerstag, 2. Mai 2019

Enthüllt: Ranger im Zentrum des WWF-Skandals erhalten Prämien für Festnahmen

02.Mai 2019


Recherchen von Survival International zeigen, dass Wildhüter, die vom WWF unterstützt werden, Prämien für Festnahmen erhalten.
Das Bonussystem gibt den Einheiten einen klaren Anreiz, möglichst viele Personen zu verhaften. Lokale Anwohner*innen haben bereits häufig über willkürliche Verhaftungen und andere Misshandlungen von Rangern in der Region geklagt.
Erst gestern hatte eine Analyse kritisiert, dass Menschenrechte in der Arbeit des WWF-Deutschland nur „unzureichend integriert“ seien.
Die Finanzierungsvereinbarung zwischen dem WWF und der EU sieht Boni für Ranger vor, die Personen verhaften. © Survival
Die Zahlungen sind in der Finanzierungsvereinbarung mit der Europäischen Union für die Schaffung des hoch umstrittenen Schutzgebiets Messok Dja in der Republik Kongo geregelt. Darin ist auch festgelegt, dass Informanten Prämien für Informationen gezahlt werden, die zu einer Verhaftung führen.
Der Direktor von Survival International, Stephen Corry, sagte heute: „Das System des WWFbedeutet, dass Wildhüter für jede Person, die sie festnehmen, mehr Geld bekommen – von den Steuerzahlern in der EU. Stellen Sie sich den Aufschrei vor, wenn das für Strafverfolgungsbeamte in Europa gelten würde! Es geht hier nicht um den Verkauf von Autos: Polizeiarbeit sollte nicht auf ‚Provisionsbasis‘ betrieben werden.“
„Jeder, der sich damit beschäftigt hat, weiß, das die Baka und andere Einheimische seit Jahren sagen, dass sie ständig verhaftet werden – und häufig verprügelt, gefoltert und schlimmeres. Jetzt wissen wir, dass es sogar einen Anreiz für die Ranger gibt, sie zu misshandeln. Es versteht sich von selbst, dass die echten Wilderer, gemeinsam mit korrupten Wildhütern und Offiziellen, ungeschoren davonkommen – wie immer."
Der WWF – mit Unterstützung des WWF-Deutschland – treibt das Messok Dja-Projekt voran, obwohl lokale Baka-Indigene, deren Land dafür genutzt werden soll, es entschieden ablehnen. Nach internationalem Recht dürfen solche Projekte nicht durchgeführt werden, wenn die lokale Bevölkerung nicht bereits ihre Zustimmung zu dem Vorschlag gegeben hat.
Ein Baka-Mann sagte gegenüber Survival International: „Für uns ist das wie ein Krieg. Unser Wald ist jetzt für uns verschlossen. Die Ranger töten Menschen für Geld, so erhöhen sie ihr Gehalt.“
Eine investigative Recherche des Nachrichtenseite Buzzfeed hatte kürzlich ergeben, dass der WWF „mit paramilitärischen Kräften zusammenarbeitet, die beschuldigt wurden, viele Menschen geschlagen, gefoltert, sexuell angegriffen und ermordet zu haben, sowie diese zu finanzieren und auszurüsten.“
Buzzfeed veröffentlichte auch interne Dokumente, die zeigen, dass der WWF seit Jahren weiß, dass die Ranger schwerer Menschenrechtsverletzungen beschuldigt werden, diese aber weiterhin finanzierte.
Untersuchungen zur Arbeit des WWF finden derzeit in den USA, Großbritannien und Deutschland statt. Gestern hatte der WWF-Deutschland im Rahmen der Buzzfeed-Vorwürfe eine Analyse veröffentlicht, die kritisierte, „dass Menschenrechtsaspekte wenig Beachtung“ zu finden scheinen. Obwohl die Analyse vom WWF bezahlt wurde und sich im Wesentlichen auf Informationen stützte, die der WWF selbst bereitstellte, werfen die Ergebnisse ein schlechtes Licht auf die Einhaltung von Menschenrechtsstandards durch den WWF.
SURVIVAL INTERNATIONAL PRESSEMELDUNG

EbM-Netzwerk fordert differenzierte Bewertung von Impfungen und evidenzbasierte Entscheidungshilfen


02.05.2019 
Die zunehmende Forderung nach einer Impfpflicht in Deutschland, zuletzt am 20. April 2019 durch Ärztekammerpräsident Montgomery, ist Anlass für das EbM-Netzwerk, das Thema aus der Perspektive der Evidenzbasierten Medizin (EbM) einzuordnen. Das EbM-Netzwerk fordert eine differenzierte Bewertung von Impfungen und evidenzbasierte Entscheidungshilfen.
Es gibt Impfungen, deren Nutzen unbestritten ist, die Kinderlähmung- und Pockenimpfungen zählen dazu. Daneben gibt es Impfungen mit unklarem Nutzen. Etwa gegen seltene Erreger von Hirnhautentzündung (Meningokokken). Auch wurden – u. a. durch die WHO – sehr umstrittene Impfungen, wie gegen die Schweinegrippe, empfohlen.

Die Impfpläne sind im Ländervergleich sehr unterschiedlich. So wird beispielsweise in der Schweiz die Windpocken-Impfung nur für 11-15-Jährige empfohlen. Für viele Impfempfehlungen bleiben offene Fragen, die erst durch langfristige Beobachtungen und gute Studien geklärt werden können. Unerwünschte Nebenwirkungen von Impfungen sollten ebenfalls differenziert analysiert und bestehende Unsicherheiten offengelegt werden.

Bei spezifischen Impfverfahren sind im Gegensatz zu anderen Eingriffen an gesunden Menschen, wie etwa den Früherkennungsmaßnahmen, auch die Auswirkungen auf das Erkrankungsrisiko anderer Menschen zu berücksichtigen. Gemeinschaftsschutz ist daher ein relevanter Faktor bei der Bewertung von Impfstoffen.

Das Patientenrechtegesetz sichert den Bürgern Aufklärung und informiertes Entscheiden zu. Eine ausnahmslose Impfpflicht steht den legitimierten Ansprüchen der Bevölkerung auf informierte Entscheidungen entgegen.

Das EbM-Netzwerk fordert daher die Bereitstellung von Entscheidungshilfen, die als Grundlage für informierte Entscheidungen eingesetzt werden können. Wir empfehlen differenziert zu jeder einzelnen Impfung aufzuklären. Dies schließt die Offenlegung von Unsicherheiten und ungeklärten Fragen mit ein. Eine ehrliche Aufklärung der Ärzteschaft und der Bevölkerung könnte langfristig das Vertrauen in das Medizinsystem stärken und die Impfbereitschaft für sinnvolle Impfungen erhöhen.

Maßnahmen zu einer Verbesserung der Impfraten sind derzeit bei Weitem nicht ausgeschöpft. Von Zwangsmaßnahmen sollte in einem aufgeklärten demokratischen System Abstand genommen werden.
Quelle:  Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM-Netzwerk)

Nilpferde, die tierischen Siliziumpumpen

01.05.2019
Die Exkremente von Nilpferden spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem der afrikanischen Seen und Flüsse. Weil es immer weniger Nilpferde gibt, ist dieses Ökosystem in Gefahr. Langfristig könnte dies zum Beispiel zu Nahrungsmangel am Viktoriasee führen. Das sind einige der Ergebnisse einer neuen Studie eines internationalen Teams von Forschenden, die im Fachjournal Science Advances erschienen ist. An der Studie war auch Patrick Frings vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ in Potsdam beteiligt.
Wild lebende Nilpferde haben einen einzigartigen Lebensstil: Nachts fressen sie Dutzende Kilogramm frischen Grases in den Savannen. Die Tage verbringen sie zumeist gemeinsam entspannt in Flussläufen oder Seen, weit weg von Feinden und geschützt vor der brennenden Sonne. Während des Faulenzens im Wasser wird allerdings ihre Verdauung aktiv. So gelangen ganz enorme Mengen an Nilpferdgülle in die Gewässer.

„Nilpferde unterscheiden sich da von anderen Großweidern in der Savanne", erklärt der Biologe Jonas Schoelynck von der Universität Antwerpen, der Erstautor der Studie. „Die Nährstoffe in der Gülle der meisten Weidegänger landen größtenteils wieder in der Savanne, wo sie von den Pflanzen erneut aufgenommen werden. Bei Nilpferden ist dies nicht der Fall: Sie fungieren als eine Art Nährstoffpumpe vom Land in die Flüssen und Seen.“ In der nun veröffentlichten Studie zeigen die Forschenden um Schoelynck und Frings, dass diese Pumpenfunktion für das Leben im Wasser von entscheidender Bedeutung sein kann. Die Ergebnisse stammen aus einer Expedition zum knapp vierhundert Kilometer langen Mara River im Masaai Mara Nature Reserve in Kenia.

Nilpferd-Exkremente im Labor untersucht

„Das Gras, das die Nilpferde fressen, enthält Silizium“, erklärt Jonas Schoelynck. „Die Gräser nehmen dieses Silizium aus dem Grundwasser auf. Es gibt ihnen die nötige Festigkeit, schützt sie vor Krankheiten und in begrenztem Maße vor der Beweidung durch Kleintiere.“ Patrick Frings aus der Sektion Geochemie der Erdoberfläche des GFZ hat im Labor die Isotopenzusammensetzung des Siliziums in Proben von Pflanzen, Wasser und Nilpferd-Exkrementen analysiert. Diese liefert eine Art chemischen Fingerabdruck einer Stoffprobe. „Mithilfe der Isotopenanalyse konnten wir den Transportweg des Siliziums rekonstruieren“, erklärt Frings.

Die Forschenden konnten zeigen, dass das Silizium zu einem großen Teil durch (sic!) die Nilpferde in den Mara River gelangte. In dem untersuchten Gebiet im Südwesten Kenias nahmen die grasenden Tiere über die von Ihnen vertilgten Pflanzen täglich insgesamt 800 Kilogramm an Silizium auf. Davon landeten täglich 400 Kilogramm über die Ausscheidung mit dem Nilpferdkot im Wasser. Der Beitrag der Nilpferde hat durch verschiedene ökologische Mechanismen Einfluss auf über 76 Prozent des entlang des Mara River transportierten Siliziums, zeigen Berechnungen der Forschenden. Nilpferde sind demnach ein Schlüsselfaktor im biogeochemischen Silizium-Kreislauf bestimmter Gebiete.

„Unsere Ergebnisse sind völlig neuartig“, sagt Patrick Frings vom GFZ. „Bisher ging man nicht davon aus, dass weidende Wildtiere einen solchen Einfluss auf den Silizium-Transport vom Land in Seen haben könnten. Dieser Prozess ist für das gesamte Land-Wasser-Ökosystem von entscheidender Bedeutung. In der Vergangenheit wurde er aber einfach übersehen.“

Eine Welt ohne Nilpferde

Für bestimmte Organismen wie etwa Kieselalgen sei das Silizium lebensnotwendig, so die Forschenden. Diese einzelligen Algen leben im Wasser, produzieren Sauerstoff und bilden in vielen meisten Wasserökosystemen die Grundlage der Nahrungskette. Im Falle eines Siliziummangels könne die Kieselalgenpopulation zusammenbrechen, mit schädlichen Folgen für das gesamte Nahrungsnetz im betroffenen See oder Fluss.

Die Anzahl der Nilpferde in Afrika sei in den vergangenen Jahren durch Jagd und Verlust von Lebensräumen drastisch zurück und ihre Funktion als tierische Siliziumpumpen damit zum Teil verloren gegangen. Afrikaweit seien in den vergangenen Jahrzehnten bis zu neunzig Prozent der Nilpferde ausgestorben. „Der Viktoriasee, in den der Mara River mündet, kann mit seiner aktuellen Siliziumversorgung zwar noch mehrere Jahrzehnte überdauern“, sagt Jonas Schoelynck. „Aber auf lange Sicht gibt es wahrscheinlich ein Problem. Wenn die Kieselalgen nicht genügend Silizium bekommen, werden sie durch Schädlingsalgen ersetzt, die alle möglichen unangenehmen Folgen haben, wie etwa Sauerstoffmangel und ein damit verbundenes Fischsterben. Und das Fischen ist eine wichtige Nahrungsquelle für die Menschen am Viktoriasee."
Quelle:   Helmholtz-Zentrum Potsdam   Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ
Nilpferde, die den Tag gemeinsam in einem ruhigen Abschnitt des Mara River in Kenia verbringen.

Nilpferde, die den Tag gemeinsam in einem ruhigen Abschnitt des Mara River in Kenia verbringen.                Jonas Schoelynck