Sonntag, 12. Mai 2019

Monsanto in Frankreich wegen Gesinnungsregister unter Druck

Paris - In Frankreich gerät Monsanto wegen der Erhebung personenbezogener Daten von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie zahlreicher Journalisten unter Druck.
Wie die Tageszeitung „Le Monde“ am vergangenen Donnerstag (9.5.) berichtete, wurden mehreren Medien Dateien zugespielt, die Register mit Informationen zu mehr als 200 Personen enthalten und die von Unternehmen, die Monsanto mit der Kommunikation zu Glyphosat betraut hatte, im Jahr 2016 erstellt wurden. Fast die Hälfte der Einträge betreffe Journalisten; außerdem seien Politiker, Beamte, Wissenschaftler sowie Vertreter von Berufsverbänden und Nichtregierungsorganisationen (NGO) aufgeführt.

Laut „Le Monde“ sind neben den Namen eine Vielzahl von Informationen gespeichert, darunter auch die Position der Personen zu Glyphosat und anderen landwirtschaftlichen Themen. Zudem werde Bezug auf Maßnahmen genommen, die in Verbindung mit der damals anstehendenWiederzulassung des umstrittenen Herbizids stünden.

Nach Angaben der Zeitung „Le Parisien“ wurden die Betroffenen in Gegner und Unterstützer eingeteilt; auch vorrangige Ziele und „Schlüsselakteure“ seien ausgewiesen worden.

Die damalige französische Umweltministerin Ségolène Royal sei ebenso wie ihre Amtskollegin aus dem Gesundheitsressort, Marisol Touraine , als Glyphosatgegnerin eingestuft und die Zielsetzung ausgegeben worden, „ihre Stimmen zu isolieren“.

Die Datensammlung wird auch ein juristisches Nachspiel haben. Ein betroffener Journalist von „Le Monde“ hat bei der Pariser Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Unbekannt erstattet; auch die ebenfalls betroffene Umweltorganisation Générations Futures kündigte an, Maßnahmen zu prüfen.

Nationale Datenschutzbehörde eingeschaltet

Nach Angaben der Zeitung verstößt eine derartige Sammlung und Verarbeitung personenbezogener Daten gegen geltendes Recht, auch weil ohne Zustimmung der Betroffenen Informationen zu den politischen und lebensanschaulichen Einstellungen gesammelt worden seien. Die Archivierung in englischer Sprache lege zudem nahe, dass die Daten auch international weitergegeben worden seien.

Der Anwalt von „Le Monde“, François Saint-Pierre, erklärte, es könne nicht akzeptiert werden, dass ein multinationales Unternehmen Journalisten anhand der von diesen durchgeführten Recherchen klassifiziere. Dies sei illegal und selbst den Polizeibehörden nicht gestattet.

Medienberichten zufolge wird sich auch die nationale Datenschutzbehörde (CNIL) mit dem Fall befassen. Bayer erklärte derweil, keine Kenntnis von den Vorgängen bei Monsanto zu haben, zumal es sich 2016 noch um zwei unabhängige Unternehmen gehandelt habe.


Quelle: dpa

Schweizer kaufen qualitativ hochwertigeres Fleisch als Deutsche

Bern - Die Schweizer Konsumenten greifen tendenziell eher zu qualitativ hochwertigem Fleisch als Verbraucher in Deutschland und geben insgesamt mehr Geld für ihren Fleischkonsum aus.
Nach Angaben des Schweizer Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) hat eine Marktanalyse ergeben, dass die Bürger der Eidgenossenschaft mit 52,1 kg pro Kopf im Jahr 2018 zwar gut 13 % weniger Fleisch als ihre Nachbarn in der Bundesrepublik verzehrt haben; dennoch waren ihre Ausgaben doppelt so hoch. Das liegt laut BLW auch an den Preisen, die in der Schweiz um ein Drittel bis 50 % höher ausfallen als in der Bundesrepublik.

Die geringste Differenz war noch bei Puten- und Truthahnbrust festzustellen, was das BLW damit begründet, dass die beiden Produkte einen hohen Absatzanteil von preisgünstigen Importprodukten im Schweizer Einzelhandel haben. Auffällig sei zudem, dass die relative Preisdifferenz bei weniger edlen Frischeprodukten wie Ragout oder Hackfleisch deutlich geringer ausfalle als bei Edelstücken wie Filet, Steak oder Schnitzel.

Neben den Kosten spielen offenbar die Konsumgewohnheiten für das Ungleichgewicht der Ausgaben eine wesentliche Rolle. So greifen die Schweizer laut Erhebung am häufigsten zu Rinderhack, auf das ein Anteil von 24,8 % am durchschnittlichen Einkaufswarenkorb mit Frischeprodukten entfällt; dahinter folgen Schweineschnitzel mit 19,9 %, Putenbrust mit 14,0 % und Rindersteak mit 13,2 %. Bei den Deutschen sehen die Analysten das Schweineschnitzel mit 17,9 % vorn, gefolgt von gemischtem Hackfleisch mit 17,7 %, Putenbrust mit 17,1 % und mit einigem Abstand erst Rinderhack mit 8,1 %.

Der Griff der Schweizer zu „edleren Produkten“ lässt laut Bundesamt darauf schließen, dass die spezifischen Konsumbedürfnisse die Ausgaben für Fleischprodukte im internationalen Vergleich zusätzlich erhöhen.

Bei Warenkorbvergleichen insbesondere auf internationaler Ebene müsse darum das Einkaufsverhalten der Haushalte als Indikator zukünftig stärker berücksichtigt werden. Bei der Analyse wurden ausschließlich Frischfleisch-Produkte ohne Bio-Siegel berücksichtigt.


Quelle: dpa

Donnerstag, 9. Mai 2019

„Der Lebensmittelverband profiliert sich bisher als Verhinderer gesunder Ernährung“

Zur Ankündigung des Herstellers Iglo, den Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL (Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V.) zu verlassen, kommentiert Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG):
„Wir begrüßen die Entscheidung von Iglo, nicht länger einen Verband zu unterstützen, der die Zeichen der Zeit in Sachen gesunde Ernährung verschlafen hat. Der BLL profiliert sich bislang als Verhinderer vieler wissenschaftlich empfohlener Maßnahmen zur Eindämmung von Übergewicht. Dies wurde zuletzt deutlich bei der Diskussion um den Nutri-Score, der ebenfalls nicht vom BLL unterstützt wird, obwohl bereits fünf deutsche Hersteller, darunter Iglo, das Kennzeichnungssystem eingeführt haben oder dies planen. Iglo zeigt, dass es auch anders geht und die Lebensmittelindustrie Teil der Lösung sein kann und will. Für den BLL muss dies ein Weckruf sein, seine Blockadehaltung in Sachen gesunder Ernährung aufzugeben. Ein konkreter Schritt wäre die Unterstützung des Nutri-Scores als europäische Lösung einer verständlichen Lebensmittelkennzeichnung.“
Kerstin Ullrich Pressestelle
Deutsche Diabetes Gesellschaft

Das große Pflanzensterben trifft uns alle: öffentliche Diskussion zum Artensterben greift zu kurz

Dem am Montag vorgelegten Bericht des Weltbiodiversitätsrats zufolge sind eine Million Pflanzen- und Tierarten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. „Doch die aktuelle mediale, politische und öffentliche Diskussion zum Thema Artensterben greift zu kurz!“ gibt Thomas Borsch, Biologe und Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin der Freien Universität zu bedenken und fordert eine weiterreichende Diskussion zum Artensterben.
„Es geht nicht nur darum, dass eine Millionen Arten komplett von unserem Planeten verschwinden werden. Zugleich erfahren die übrigen Arten massive Verluste ihrer genetischen Vielfalt. Diese ist aber der Garant für ein Überleben der Art – und somit ist das Artensterben noch viel dramatischer, als bislang diskutiert.“ so Thomas Borsch weiter. 
„Alarmierend ist: Auch früher häufigen Pflanzenarten geht es massiv an den Kragen“, weiß Thomas Borsch aus eigener Forschungsarbeit. „Die Intensivierung der Landnutzung aber auch das Ausräumen der Landschaft gerade in den letzten 20 Jahren hat zu einem flächenhaften Verlust vieler Pflanzen und anderer Organismen geführt.“, sagt Thomas Borsch weiter. Ein sichtbares Beispiel ist die als Heilpflanze bekannte Arnika (Arnica montana), die heute nur noch in den Alpen häufig – aber in den Mittelgebirgen selten und im Norddeutschen Tiefland bereits fast ausgestorben ist. Die Forschungsarbeit des Botanischen Gartens Berlin deckte unlängst die dramatische genetische Verarmung der Arnika in Deutschland auf. 

„Es reicht nicht eine Pflanzenart nur dem Namen nach in Deutschland in einem Schutzgebiet oder Botanischen Garten zu erhalten. Die genetische Vielfalt ist wichtig, um der Art wirklich eine Chance zum Überleben zu geben.“, fordert Thomas Borsch. Denn die genetischen Unterschiede innerhalb einer Art sind natürlicherweise groß, je nachdem in welchem Naturraum die Art vorkommt. Das heißt konkret: Die Arnika, die nahe der Ostsee vorkommt ist nicht die gleiche wie in den Mittelgebirgen oder den Alpen. Grund dafür ist die natürliche Evolution, wodurch sich die Pflanzen im Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt regional angepasst haben. Wie bedeutsam diese Unterschiede innerhalb einer Art in Zukunft werden können, begründet Thomas Borsch: „Gerade die Arnika-Pflanzen des Tieflandes kommen mit wärmeren Bedingungen gut zurecht. Aufgrund des Klimawandels könnten gerade diese Vorkommen ein großes Potential für das Überleben der Art haben: die genetische Vielfalt hilft zum Überleben.“

„Das große Pflanzensterben betrifft uns alle. Denn ohne pflanzliche Vielfalt gibt es kein Überleben!“, unterstreicht Thomas Borsch die Bedeutung von Pflanzen als Grundlage der Natur. Pflanzen spielen eine besondere Rolle in Lebensräumen, denn sie produzieren die Biomasse, von der viele andere Organismen abhängen. Das gilt nicht nur für Insekten, sondern auch für unsere Spezies Mensch – Pflanzen sind die Grundlage unserer Ernährung, sie sind unersetzlich als Rohstoffe, in der Medizin und durch ihre Rolle im Naturhaushalt. 

„Der aktuelle Trend, eine wahllos zusammengestellte Tüte mit Pflanzensamen als Beigabe zu Konsumgütern zu legen, um etwas gegen das Insektensterben zu tun, ist wenig hilfreich!“, kritisiert Thomas Borsch. Dies zeigt zwar, dass die Thematik in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Aber es suggeriert vor allem, dass es eine schnelle Lösung zu einem komplexen Problem gibt. Doch die Beruhigung des Gewissens hilft nicht weiter. „Nötig ist ein ganzheitlicher Ansatz und Wissen über Pflanzen und deren Beziehungen zu anderen Organismen, um lokal und regional gute Maßnahmen umsetzen zu können. Wirklicher Insektenschutz muss vor allem heißen, die natürlichen Lebensräume von Insekten zu schützen oder auch wieder herzustellen. Und dabei spielt die für die Insekten wichtige Pflanzenvielfalt eine Schlüsselrolle, denn gerade seltene Insektenarten sind auf seltene Pflanzenarten spezialisiert.“, führt Thomas Borsch weiter aus.
Die Heilpflanze Arnika (Arnica montana) ist in Norddeutschland bereits fast ausgestorben.Die Heilpflanze Arnika (Arnica montana) ist in Norddeutschland bereits fast ausgestorben.                              Foto: V. Duwe / Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin
„Noch ist es nicht zu spät, aber wir können uns keine weiteren Verluste leisten. Und wir müssen alle aktiv werden! Denn der Motor des großen Sterbens ist der Mensch.“ fordert Thomas Borsch. Ein globales Umdenken vor allem beim Konsumverhalten, Lebensstil, Landwirtschaft und Mobilität ist der Hebel, der den Artenschwund stoppen kann. Und letztlich das Wohlergehen aller Menschen sichern. Aktuell ist das wichtigste, die artenreichen Lebensräume und Vorkommen seltener Arten schnell zu sichern, solange sie noch vorhanden sind. Das kann jedoch nur mit Hilfe entsprechender politischer Weichenstellung gelingen. 

Hintergrundinformation:


Biodiversität wird oft gleich gesetzt mit Artenvielfalt, also der Vielfalt unterschiedlicher Organismen in einem Lebensraum oder einer Landschaft. Das ist jedoch nur eine der drei Ebenen. Bedeutsam ist auch die Vielfalt aller Gene innerhalb einer Art (= genetische Vielfalt). Ebenso zählt die Vielfalt der Lebensräume zur Biodiversität. Internationale wie nationale Strategien zum Erhalt der biologischen Vielfalt thematisieren dies – beispielsweise die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt, die vom Bundeskabinett am 7. November 2007 beschlossen wurde. Sie umfassen Ansätze für einen Schutz der genetischen Vielfalt, Artenvielfalt und Lebensraumvielfalt. 

Schon 38 Prozent der Blütenpflanzenarten in Deutschland gefährdet 
In Deutschland hat sich der Anteil von 31% gefährdeter Arten von Blütenpflanzen (also Bäume, Sträucher, Kräuter, Gräser) im Jahre 1998 auf 38% im Jahre 2018 erhöht. Das belegen die Roten Listen, die vom Bundesamt für Naturschutz in Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen und vielen Ehrenamtlichen erstellt werden.

Die Dahlemer Saatgutbank im Botanischen Garten Berlin besteht seit 1994 und ist Deutschlands älteste Wildpflanzen-Saatgutbank. Sie sammelt Saatgut gefährdeter und seltener Wildpflanzenarten für Artenschutzprojekte, Forschung und für den Tausch zwischen Botanischen Gärten. Im Rahmen spezieller Forschungsprojekte, wie dem vom Bundesumweltministerium geförderten Projekt "Wildpflanzenschutz Deutschland II", werden gezielt die 200 Verantwortungsarten (also gefährdete Arten, deren Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland liegt und für die Deutschland daher eine besondere Verantwortung hat) erforscht, gesammelt und bewahrt. In Zusammenarbeit mit Behörden und ehrenamtlichen Naturschützern werden gezielt Samen und Pflanzen gefährdeter Arten vom Wildstandort vom Botanischen Garten Berlin vermehrt und ausgebracht, um die natürlichen Vorkommen vor Ort zu stärken und zu erhalten.
Gesche Hohlstein Pressestelle Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem
Freie Universität Berlin

Drei Viertel der Flüsse weltweit durch menschliche Eingriffe in ihrem Lauf beeinträchtigt

Globale Studie unter Beteiligung der Universität Tübingen erfasst den Zustand von Flussökosystemen
Weniger als ein Viertel aller Flüsse weltweit fließt auf der gesamten Länge ungehindert durch Staudämme oder menschengemachte Regulierungen ins Meer. Unter den mehr als tausend Kilometer langen Flüssen kann nur rund ein Drittel dem von der Natur vorgegebenen Lauf folgen. Das ergab eine umfangreiche Studie eines großen internationalen Wissenschaftlerteams aus Mitgliedern der Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) und von Forschungseinrichtungen. An der Studie waren maßgeblich Professorin Christiane Zarfl vom Zentrum für Angewandte Geowissenschaften der Universität Tübingen sowie auch Klement Tockner, langjähriger Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und Professor für aquatische Ökologie an der Freien Universität Berlin, beteiligt.

Das Team bezog zwölf Millionen Flusskilometer weltweit in die Studie ein. Untersucht wurde vor allem jeweils die Vernetzung des Flusses mit seinem Überschwemmungsgebiet und dem Grundwasser sowie der Stoffaustausch mit den verbundenen Biotopen – die Forscher fassen diese Eigenschaften als Konnektivität des Flusses zusammen. Diese kann als Maß gelten für den Zustand eines Flusses, der mit ihm verbundenen Ökosysteme und deren Artenvielfalt. Die Quantifizierung und Kartierung sollen außerdem als Grundlage für den Erhalt der letzten naturbelassenen Flüsse dienen und eine Priorisierung von Renaturierungsmaßnahmen unterstützen. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Der Tagliamento in Friaul, Oberitalien, ist einer der letzten Wildflüsse Europas.
Der Tagliamento in Friaul, Oberitalien, ist einer der letzten Wildflüsse Europas.                                                Foto: Christiane Zarfl

Ökosysteme mit großer Artenvielfalt


Frei fließende Flüsse lassen global die Ökosysteme mit der größten Artenvielfalt und Dynamik ent-stehen, vergleichbar tropischen Regenwäldern und Korallenriffen. Zugleich bieten Flüsse zum Bei-spiel für die Süßwassernutzung, Bewässerung in der Landwirtschaft, durch Fischfang und Energie-gewinnung aus Wasserkraft wichtige Lebensgrundlagen für viele Millionen von Menschen. So zählte das Wissenschaftlerteam in der neuen Studie allein rund 2,8 Millionen Dämme, hinter denen Reser-voire von mindestens tausend Quadratmetern Wasserfläche entstanden sind, auf den zwölf Millionen untersuchten Flusskilometern. „Das führt zur Fragmentierung des Flusslaufs und hat teilweise schwerwiegende Auswirkungen auf das ganze Flusssystem“, sagt Christiane Zarfl. Durch die Weiterentwicklung der Infrastruktur für eine steigende Zahl von Menschen seien Flüsse und ihre Ökosysteme weltweit zunehmend bedroht.

Konnektivität als Maß

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelten in ihrer Studie eine neue Methode, um den Zustand eines Flusses zu beurteilen. Zentrales Maß ist dabei die Konnektivität eines Flusses mit Bewertungen zum freien Wasserfluss, zu den Bewegungsmöglichkeiten von Organismen sowie zum Transport von Sedimenten, organischen Stoffen, Nährstoffen und Energie. In die umfassende Untersuchung gingen vier Dimensionen ein: in Fließrichtung, flussauf- und abwärts im Flussbett; über die Flussufer hinaus, zwischen dem Hauptbett des Flusses und der Aue; in vertikaler Richtung zwischen dem Grundwasser, dem Fluss und der Atmosphäre sowie in zeitlicher Abhängigkeit bedingt durch die Jahreszeiten. Darüber beurteilte das Wissenschaftlerteam, welche Flüsse noch als frei fließend betrachtet werden können. „Heute sind sie weitgehend auf abgelegene Regionen wie die Arktis, das Amazonasbecken und das Kongobecken beschränkt“, sagt Christiane Zarfl. „In dicht bevölkerten Erdregionen wie Nordamerika, Europa und Südasien sind nur noch wenige sehr lange Flüsse frei fließend, allen voran der Irrawaddy und der Saluen.“
Amazonasgebiet Brasiliens: Gefluteter Auenregenwald am unregulierten Fluss Paranà do Mamori
Amazonasgebiet Brasiliens: Gefluteter Auenregenwald am unregulierten Fluss Paranà do Mamori                  Foto: Christiane Zarfl
2015 verabschiedeten zahlreiche Nationen beim UNO-Nachhaltigkeitsgipfel in New York Nachhaltigkeitsziele, die auch den Schutz beziehungsweise die Wiederherstellung wassergebundener Ökosysteme vorsehen. Dennoch seien zurzeit mehr als 3.700 neue und große Dämme zur Wasserkraftnutzung in Planung, sagt die Wissenschaftlerin, zum Beispiel in den Balkanstaaten, im Amazonasgebiet, vor allem aber in Asien, in China und im Himalaja. Außerdem seien etwa in Indien, China und Brasilien große Bewässerungsvorhaben geplant oder bereits im Bau, die das Ausbaggern von Flüssen, ihre Kanalisierung oder den Bau von Talsperren oder Dämmen erfordern. „Wir haben nun erstmals ein umfassendes Informationssystem mit hoher Auflösung zu den Flüssen der Erde angelegt. Es soll auch dazu dienen, die Zusammenhänge und Abhängigkeiten der Ökosysteme und die Folgen künftiger Eingriffe deutlich zu machen“, erklärt Christiane Zarfl. Übergeordnetes Ziel sei die Erhaltung der letzten frei fließenden Flüsse der Erde.
Dr. Karl Guido Rijkhoek Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

Mittwoch, 8. Mai 2019

Brot-Geschäft in Deutschland: Kampf um die Kruste

Discounter und Supermärkte sind für die Bäcker die größte Konkurrenz geworden. Es geht um Existenzfragen - und um die einzigartige deutsche Brotvielfalt, die die Unesco in Deutschland sogar als immaterielles Kulturerbe führt. Die Branche hat einen «Tag des Brotes» ausgerufen, mit dem sie ihr traditionsreiches Produkt am Dienstag feierte.

Die Bäcker geben sich zuversichtlich: «Die Brotkultur erfährt sein Revival, und die Anzahl der Brotliebhaber wächst», heißt es in der Branche. Bei vielen Kunden aber kommt die Vielfalt nicht an.


Rund 42 Kilogramm Brot tischte jeder deutsche Haushalt 2018 auf, diesen Durchschnitt hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelt. Die Menge sinkt seit Jahrzehnten. Das liegt daran, dass die Haushalte kleiner werden, aber auch an geänderten Gewohnheiten, wie der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks erklärt. Müsli zum Frühstück und abends was Warmes - das geht auch ohne Brot.


Gleichzeitig wächst die Vielfalt. «In Deutschland gibt es über 3.200 Brotspezialitäten und es werden kontinuierlich mehr - eine Vielfalt, die kein anderes Land toppen kann», werben die Bäcker. Wie geht das zusammen?


Die Käufergruppen fallen auseinander. «Die eine Zielgruppe setzt meist auf das klassische Brot oder auch belegte Brote, die andere sucht gezielt nach Brotspezialitäten mit ausgewählten oder ausgefallenen Zutaten», erklärt der Verband.


So kann es vorkommen, dass in angesagten Quartieren der Großstädte wie Berlin-Prenzlauer Berg oder Köln-Ehrenfeld Leute bis auf die Straße Schlange stehen für Brot. Vor jungen Bäckereien, die traditionell arbeiten. Wo der Teig noch stundenlang gehen darf. Ohne Chemie und natürlich bio. Dort erlebt das Brot eine Renaissance. Das Bäckerhandwerk bildet inzwischen sogar Brot-Sommeliers aus, als Botschafter für deutsche Brot-Kultur.


Doch auf dem Land geben immer mehr Bäcker auf. In der Handwerksrolle stehen noch rund 11.000 Bäckereien, gut 4.000 weniger als 2008. Immer mehr Kunden bedienen sich an den ein, zwei Handvoll Brotsorten in den Drahtkäfigen der Discounter.


«Der größte Konkurrent ist heute, vor allem aufgrund seiner extremen Preispolitik, der Lebensmitteleinzelhandel mit unterschiedlichen Konzepten von Aufbackstationen», betont der Zentralverband. Wieviel Brot sie verkaufen, darüber schweigen die Discount-Riesen Aldi und Lidl. Die Kunden nähmen das Angebot sehr gut an, lässt Lidl nur wissen. Nach GfK-Daten kaufen die Bürger inzwischen jedes dritte Brot im Discounter oder Supermarkt.


Dazu trägt bei, dass immer mehr Menschen arbeiten gehen und weniger Zeit haben, nach dem Supermarkt noch zum Bäcker zu laufen. Das nutzt den Großbäckereien, die die Märkte beliefern. Ein Drittel der Backfirmen macht schon mehr als 90 Prozent des Branchenumsatzes.


Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten beobachtet schon eine Weile «ein zunehmend hybrides Kaufverhalten». Will sagen: Wer heute beim Spezialitätenbäcker 100 Gramm Vollkornbrot für 1,30 Euro kauft, holt sich vielleicht morgen für das gleiche Geld beim Discounter ein ganzes Kilo Weizenmischbrot. Der Verband der Großbäckereien spricht vom «homo difusus».


Auf der einen Seite achten Käufer auf mehr Geschmack und Gesundheit, Frische und Bio. «Handwerksbäcker fokussieren sich immer öfter auf ein ausgewähltes, persönliches Kernsortiment», heißt es beim Branchenverband.


«Durch neue beziehungsweise wiederentdeckte Getreidesorten wie Emmer, Einkorn oder auch Dinkel und Zugabe von Früchten oder Gewürzen haben sich viele weitere Variationen gebildet.» Auch Chia und Quinoa sind im Brotregal keine Exoten mehr.


Doch rund 40 Prozent der Kunden interessieren sich weder für Gesundheit noch neue Trends, wie eine Umfrage der Uni Göttingen und der Marketingberatung Zühlsdorf ergab. Darunter sind vor allem Männer sowie Menschen, denen mitunter das Kleingeld fehlt, sich den besonderen Geschmack zu leisten.


Quelle: dpa


Donnerstag, 2. Mai 2019

Enthüllt: Ranger im Zentrum des WWF-Skandals erhalten Prämien für Festnahmen

02.Mai 2019


Recherchen von Survival International zeigen, dass Wildhüter, die vom WWF unterstützt werden, Prämien für Festnahmen erhalten.
Das Bonussystem gibt den Einheiten einen klaren Anreiz, möglichst viele Personen zu verhaften. Lokale Anwohner*innen haben bereits häufig über willkürliche Verhaftungen und andere Misshandlungen von Rangern in der Region geklagt.
Erst gestern hatte eine Analyse kritisiert, dass Menschenrechte in der Arbeit des WWF-Deutschland nur „unzureichend integriert“ seien.
Die Finanzierungsvereinbarung zwischen dem WWF und der EU sieht Boni für Ranger vor, die Personen verhaften. © Survival
Die Zahlungen sind in der Finanzierungsvereinbarung mit der Europäischen Union für die Schaffung des hoch umstrittenen Schutzgebiets Messok Dja in der Republik Kongo geregelt. Darin ist auch festgelegt, dass Informanten Prämien für Informationen gezahlt werden, die zu einer Verhaftung führen.
Der Direktor von Survival International, Stephen Corry, sagte heute: „Das System des WWFbedeutet, dass Wildhüter für jede Person, die sie festnehmen, mehr Geld bekommen – von den Steuerzahlern in der EU. Stellen Sie sich den Aufschrei vor, wenn das für Strafverfolgungsbeamte in Europa gelten würde! Es geht hier nicht um den Verkauf von Autos: Polizeiarbeit sollte nicht auf ‚Provisionsbasis‘ betrieben werden.“
„Jeder, der sich damit beschäftigt hat, weiß, das die Baka und andere Einheimische seit Jahren sagen, dass sie ständig verhaftet werden – und häufig verprügelt, gefoltert und schlimmeres. Jetzt wissen wir, dass es sogar einen Anreiz für die Ranger gibt, sie zu misshandeln. Es versteht sich von selbst, dass die echten Wilderer, gemeinsam mit korrupten Wildhütern und Offiziellen, ungeschoren davonkommen – wie immer."
Der WWF – mit Unterstützung des WWF-Deutschland – treibt das Messok Dja-Projekt voran, obwohl lokale Baka-Indigene, deren Land dafür genutzt werden soll, es entschieden ablehnen. Nach internationalem Recht dürfen solche Projekte nicht durchgeführt werden, wenn die lokale Bevölkerung nicht bereits ihre Zustimmung zu dem Vorschlag gegeben hat.
Ein Baka-Mann sagte gegenüber Survival International: „Für uns ist das wie ein Krieg. Unser Wald ist jetzt für uns verschlossen. Die Ranger töten Menschen für Geld, so erhöhen sie ihr Gehalt.“
Eine investigative Recherche des Nachrichtenseite Buzzfeed hatte kürzlich ergeben, dass der WWF „mit paramilitärischen Kräften zusammenarbeitet, die beschuldigt wurden, viele Menschen geschlagen, gefoltert, sexuell angegriffen und ermordet zu haben, sowie diese zu finanzieren und auszurüsten.“
Buzzfeed veröffentlichte auch interne Dokumente, die zeigen, dass der WWF seit Jahren weiß, dass die Ranger schwerer Menschenrechtsverletzungen beschuldigt werden, diese aber weiterhin finanzierte.
Untersuchungen zur Arbeit des WWF finden derzeit in den USA, Großbritannien und Deutschland statt. Gestern hatte der WWF-Deutschland im Rahmen der Buzzfeed-Vorwürfe eine Analyse veröffentlicht, die kritisierte, „dass Menschenrechtsaspekte wenig Beachtung“ zu finden scheinen. Obwohl die Analyse vom WWF bezahlt wurde und sich im Wesentlichen auf Informationen stützte, die der WWF selbst bereitstellte, werfen die Ergebnisse ein schlechtes Licht auf die Einhaltung von Menschenrechtsstandards durch den WWF.
SURVIVAL INTERNATIONAL PRESSEMELDUNG