Sonntag, 26. Mai 2019

Bakterien in fermentierten Lebensmitteln interagieren mit unserem Immunsystem

Milchsäurebakterien sind gut für den Körper und spielen für unsere Gesundheit eine zentrale Rolle. Warum das so ist, war bislang weitgehend unerforscht. Wissenschaftler der Universität Leipzig haben nun herausgefunden, dass Menschen und Menschenaffen auf ihren Zellen einen Rezeptor besitzen, welcher durch Signale von Bakterien aktiviert wird, die in fermentierten Lebensmitteln vorkommen. Die Studie liefert damit neue Einblicke in die evolutionäre Dynamik zwischen Mikroben und Immunsystem. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler aktuell im Forschungsmagazin Plos Genetics veröffentlicht.
Milchsäurebakterien, die Milch in Joghurt und Kohl in Sauerkraut verwandeln, haben eine gesundheitsfördernde Wirkung auf den menschlichen Organismus. Sie werden entweder mit fermentierter Nahrung aufgenommen oder besiedeln dauerhaft den Darm. Leipziger Wissenschaftler belegen nun erstmals die molekularen Mechanismen, wie Milchsäurebakterien mit unserem Körper interagieren. Zunächst untersuchten die Forscher Proteine auf der Oberfläche von Zellen, die Hydroxycarboxylsäure (HCA)-Rezeptoren genannt werden. Die meisten Säugetiere haben zwei Arten von diesem Rezeptor, nur bei Menschen und Menschenaffen gibt es einen dritten, den HCA3. „Wir haben evolutionäre, pharmakologische, immunologische und analytische Methoden kombiniert und untersucht, warum dieser Rezeptor uns während der Evolution erhalten geblieben ist“, so Studienleiterin Dr. Claudia Stäubert vom Rudolf-Schönheimer-Institut für Biochemie der Medizinischen Fakultät. Unsere menschlichen Vorfahren lebten zu einer Zeit großer Veränderungen auf der Erde, die auch ihren Lebensraum und damit das Nahrungsangebot beeinflussten. Diese führten zu einem neuen Lebensstil, der dadurch gekennzeichnet war, dass weniger frisches Obst verfügbar war und mehr herabgefallene fermentierte Früchte aufgenommen werden mussten. In diesem Szenario stellte der Rezeptor HCA3 möglicherweise einen entscheidenden Vorteil dar. „Wir haben im Zuge dieser Studie entdeckt, dass eine Substanz, die in hohen Konzentrationen in fermentierter Nahrung wie Sauerkraut vorkommt, den Rezeptor HCA3 aktiviert und so die Funktion des menschlichen Immunsystems beeinflusst“, so Stäubert. Die Wissenschaftler um Stäubert belegen mit ihrer Studie, dass nach dem Genuss von Sauerkraut Konzentrationen einer Substanz namens D-Phenylmilchsäure im Blut nachgewiesen werden können, die ausreichen, um den Rezeptor HCA3 zu stimulieren. „Unsere evolutionären und funktionellen Analysen stützen die Hypothese, dass dieser Rezeptor in Menschen und großen Menschenaffen während der Evolution als neues Signalsystem erhalten geblieben ist, um Funktionen des Immunsystems anzusprechen“, resümiert Stäubert. Die neu entdeckte Substanz D-Phenylmilchsäure teilt Immunsystem und Fettzellen über den Rezeptor mit, dass zum einen Fremdstoffe und zum anderen Energie in den Körper gelangt sind. 
„Unzählige Studien zeigen positive Effekte auf, die durch Milchsäurebakterien und fermentierte Nahrungsmittel vermittelt werden. Wir sind überzeugt davon, dass der HCA3 für einige dieser Effekte verantwortlich sein muss.“ sagt Stäubert. Kommende Forschungsarbeiten werden der Frage nachgehen, wie genau D-Phenylmilchsäure das Immunsystem und die Energiespeicherung beeinflusst, um herauszufinden ob der HCA3 auch als therapeutischer Angriffspunkt zum Beispiel zur Behandlung des Reizdarmsyndroms dienen könnte. Die Studie vom Rudolf-Schönheimer-Institut für Biochemie mit Direktor Prof. Dr. med. Torsten Schöneberg wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik des Universitätsklinikums Leipzig, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) durchgeführt.
Peggy Darius Stabsstelle Universitätskommunikation/Medienredaktion Universität Leipzig

Diese Immunzellen exprimieren den betreffenden Rezeptor. Kern und Cytoskelett sind gefärbt.
Diese Immunzellen exprimieren den betreffenden Rezeptor. Kern und Cytoskelett sind gefärbt.
Claudia Stäubert

Dienstag, 14. Mai 2019

Archaeopteryx bekommt Gesellschaft

Forscher der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie (SNSB-BSPG) sowie der LMU München beschreiben einen bislang unbekannten Vogel aus dem oberen Jura – es ist erst der zweite bekannte flugfähige Vogel aus dieser Periode überhaupt, neben dem berühmten Archaeopteryx.
Der Thron des Archaeopteryx wackelt. Seit im Jahr 1861 das erste Fossil des Urvogels gefunden wurde, gilt er als einziger Vogel aus der erdgeschichtlichen Periode des Jura. Er belegt als Übergangsform zwischen Reptilien und Vögeln, dass die heutigen Vögel direkte Nachfahren von Raubdinosauriern sind. Alle bislang von ihm gefundenen Exemplare stammen aus dem Gebiet des Solnhofer Archipels, das sich im Jura im Bereich des heutigen Altmühltals erstreckte, in der Gegend zwischen Pappenheim und Regensburg. Hier lebte Archaeopteryx vor etwa 150 Millionen Jahren in einer Riff-Insel-Landschaft. Nun hat ein Team um Prof. Oliver Rauhut einen bislang unbekannten Vogel aus der Gegend taxonomisch beschrieben, es ist der zweite bekannte flugfähige Vogel aus dieser Periode überhaupt: Alcmonavis poeschli. „Das weist darauf hin, dass die Diversität der Vogelwelt im oberen Jura größer war als bislang bekannt“, sagt Rauhut, Paläontologe am Department für Geo- und Umweltwissenschaften der LMU sowie an der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie. 

Von Alcmonavis poeschli wurde nur ein Flügel entdeckt. „Wir hatten erst angenommen, dass auch dieses Exemplar ein Archaeopteryx ist, und haben es uns bei der Untersuchung nicht leicht gemacht. Es sind Ähnlichkeiten da, aber seine fossilen Reste lassen vermuten, dass es sich um einen etwas höher entwickelten Vogel handelt“. Wie die taxonomische Studie, die aktuell im Fachmagazin eLife veröffentlicht ist, zeigt, war Alcmonavis poeschli nicht nur etwas größer als Archaeopteryx. Er konnte offenbar auch besser fliegen: „Muskelansatzstellen am Flügel deuten auf ein verbessertes Flugvermögen hin“, sagt Rauhut. Alcmonavis poeschli weist mehrere Merkmale auf, die Archaeopteryx nicht hat, stammesgeschichtlich jüngere Vögel aber schon. Diese deuten auf eine bessere Anpassung an den aktiven Flatterflug hin. 

Damit bringt Alcmonavis poeschli neuen Schwung in die Debatte, ob der Vogelflug über den Gleitflug entstanden ist. „Seine Anpassungen zeigen, dass die Evolution des Fluges relativ schnell vorangeschritten sein muss“, sagt Dr. Christian Foth von der Université de Fribourg (Schweiz), einer der Koautoren der Studie.

Seinen Namen verdankt der nun erstmals beschriebene Vogel dem alten keltsichen Namen der Altmühl, Alcmona, und seinem Entdecker Roland Pöschl, der die Ausgrabungen im Steinbruch am Schaudiberg bei Mörnsheim leitet. In denselben Plattenkalkablagerungen wurde auch ein weiteres Fossil eines Archaeopteryx entdeckt. Die beiden Urvögel haben also offenbar parallel in der damals subtropischen Lagunenlandschaft Süddeutschlands gelebt.
Dr. Eva-Maria Natzer Öffentlichkeitsarbeit                                                         
Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns
Die Abbildung zeigt einen Flügel von Alcmonavis poeschli, wie er in den Plattenkalkablagerungen gefunden wurde. Alcmonavis poeschli ist der zweite bekannte flugfähige Vogel aus der Periode des Jura.
O. Rauhut, SNSB/LMU

Agrarökologen der Universität Göttingen plädieren für integrative Naturschutzkonzepte

In Naturschutz und Landwirtschaft gibt es zwei gegensätzliche Konzepte, wie eine hohe Artenvielfalt und eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion zu verbinden sei: Naturschutz soll in Produktionslandschaften integriert oder in Form von reinen Schutzgebieten segregiert werden, um auf den Produktionsflächen maximale Erträge zu ermöglichen. Forscherinnen und Forscher der Universität Göttingen plädieren für integrative Lösungsansätze, die Naturschutz und landwirtschaftliche Produktion in nachhaltig bewirtschafteten Agrarlandschaften vereinbaren. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift People and Nature erschienen.
„Viele Forscher argumentieren, dass die landwirtschaftliche Produktion auf den bestehenden Flächen intensiviert werden solle, um die Erträge zu steigern und gleichzeitig den landwirtschaftlichen Druck auf die letzte Wildnis zu verringern. Dieser Ansatz wird vor allem in tropischen Ländern verfolgt“, erläutert Dr. Ingo Grass aus der Abteilung Agrarökologie an der Universität Göttingen und Erstautor der Studie. „Allerdings sind Biodiversität und Landwirtschaft oft eng miteinander verflochten und viele Arten sind auch für den Landwirt von Nutzen. In den Kulturlandschaften Europas sind viele schützenwerte Arten an extensiv bewirtschaftete Lebensräume angepasst. Diese Arten sind durch die zunehmende landwirtschaftliche Intensivierung bedroht“, ergänzt Prof. Dr. Teja Tscharntke, Leiter der Abteilung. 

In ihrer interdisziplinären Studie argumentieren die Forschenden für eine stärkere Integration dieser beiden kontrastierenden Konzepte. „Moderne und nachhaltige Agrarlandschaften erfordern sowohl landsparende und ertragreiche Produktionsgebiete, unberührte Lebensräume als auch extensiv bewirtschaftete Flächen. Diese Kombination ermöglicht nicht nur die höchste Artenvielfalt, sondern fördert auch Ökosystemdienstleistungen wie die Bestäubung und biologische Schädlingsregulierung durch Insekten und Feldvögel. Diese sind für eine nachhaltige Agrarproduktion essenziell“, so Grass. Die verschiedenen Landschaftselemente und Lebensräume sollten dabei durch Hecken und Korridore verbunden sein, so die Autorinnen und Autoren, um ein Maximum an Artenvielfalt und Ökosystemdienstleistungen zu schaffen.

Thomas Richter Öffentlichkeitsarbeit
Georg-August-Universität Göttingen                                                                            
Eine strukturreiche Agrarlandschaft (Rumänien) kann die Artenvielfalt fördern.
Eine strukturreiche Agrarlandschaft (Rumänien) kann die Artenvielfalt fördern.                                                 Foto: Laura Sutcliffe

Sonntag, 12. Mai 2019

Monsanto in Frankreich wegen Gesinnungsregister unter Druck

Paris - In Frankreich gerät Monsanto wegen der Erhebung personenbezogener Daten von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie zahlreicher Journalisten unter Druck.
Wie die Tageszeitung „Le Monde“ am vergangenen Donnerstag (9.5.) berichtete, wurden mehreren Medien Dateien zugespielt, die Register mit Informationen zu mehr als 200 Personen enthalten und die von Unternehmen, die Monsanto mit der Kommunikation zu Glyphosat betraut hatte, im Jahr 2016 erstellt wurden. Fast die Hälfte der Einträge betreffe Journalisten; außerdem seien Politiker, Beamte, Wissenschaftler sowie Vertreter von Berufsverbänden und Nichtregierungsorganisationen (NGO) aufgeführt.

Laut „Le Monde“ sind neben den Namen eine Vielzahl von Informationen gespeichert, darunter auch die Position der Personen zu Glyphosat und anderen landwirtschaftlichen Themen. Zudem werde Bezug auf Maßnahmen genommen, die in Verbindung mit der damals anstehendenWiederzulassung des umstrittenen Herbizids stünden.

Nach Angaben der Zeitung „Le Parisien“ wurden die Betroffenen in Gegner und Unterstützer eingeteilt; auch vorrangige Ziele und „Schlüsselakteure“ seien ausgewiesen worden.

Die damalige französische Umweltministerin Ségolène Royal sei ebenso wie ihre Amtskollegin aus dem Gesundheitsressort, Marisol Touraine , als Glyphosatgegnerin eingestuft und die Zielsetzung ausgegeben worden, „ihre Stimmen zu isolieren“.

Die Datensammlung wird auch ein juristisches Nachspiel haben. Ein betroffener Journalist von „Le Monde“ hat bei der Pariser Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Unbekannt erstattet; auch die ebenfalls betroffene Umweltorganisation Générations Futures kündigte an, Maßnahmen zu prüfen.

Nationale Datenschutzbehörde eingeschaltet

Nach Angaben der Zeitung verstößt eine derartige Sammlung und Verarbeitung personenbezogener Daten gegen geltendes Recht, auch weil ohne Zustimmung der Betroffenen Informationen zu den politischen und lebensanschaulichen Einstellungen gesammelt worden seien. Die Archivierung in englischer Sprache lege zudem nahe, dass die Daten auch international weitergegeben worden seien.

Der Anwalt von „Le Monde“, François Saint-Pierre, erklärte, es könne nicht akzeptiert werden, dass ein multinationales Unternehmen Journalisten anhand der von diesen durchgeführten Recherchen klassifiziere. Dies sei illegal und selbst den Polizeibehörden nicht gestattet.

Medienberichten zufolge wird sich auch die nationale Datenschutzbehörde (CNIL) mit dem Fall befassen. Bayer erklärte derweil, keine Kenntnis von den Vorgängen bei Monsanto zu haben, zumal es sich 2016 noch um zwei unabhängige Unternehmen gehandelt habe.


Quelle: dpa

Schweizer kaufen qualitativ hochwertigeres Fleisch als Deutsche

Bern - Die Schweizer Konsumenten greifen tendenziell eher zu qualitativ hochwertigem Fleisch als Verbraucher in Deutschland und geben insgesamt mehr Geld für ihren Fleischkonsum aus.
Nach Angaben des Schweizer Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) hat eine Marktanalyse ergeben, dass die Bürger der Eidgenossenschaft mit 52,1 kg pro Kopf im Jahr 2018 zwar gut 13 % weniger Fleisch als ihre Nachbarn in der Bundesrepublik verzehrt haben; dennoch waren ihre Ausgaben doppelt so hoch. Das liegt laut BLW auch an den Preisen, die in der Schweiz um ein Drittel bis 50 % höher ausfallen als in der Bundesrepublik.

Die geringste Differenz war noch bei Puten- und Truthahnbrust festzustellen, was das BLW damit begründet, dass die beiden Produkte einen hohen Absatzanteil von preisgünstigen Importprodukten im Schweizer Einzelhandel haben. Auffällig sei zudem, dass die relative Preisdifferenz bei weniger edlen Frischeprodukten wie Ragout oder Hackfleisch deutlich geringer ausfalle als bei Edelstücken wie Filet, Steak oder Schnitzel.

Neben den Kosten spielen offenbar die Konsumgewohnheiten für das Ungleichgewicht der Ausgaben eine wesentliche Rolle. So greifen die Schweizer laut Erhebung am häufigsten zu Rinderhack, auf das ein Anteil von 24,8 % am durchschnittlichen Einkaufswarenkorb mit Frischeprodukten entfällt; dahinter folgen Schweineschnitzel mit 19,9 %, Putenbrust mit 14,0 % und Rindersteak mit 13,2 %. Bei den Deutschen sehen die Analysten das Schweineschnitzel mit 17,9 % vorn, gefolgt von gemischtem Hackfleisch mit 17,7 %, Putenbrust mit 17,1 % und mit einigem Abstand erst Rinderhack mit 8,1 %.

Der Griff der Schweizer zu „edleren Produkten“ lässt laut Bundesamt darauf schließen, dass die spezifischen Konsumbedürfnisse die Ausgaben für Fleischprodukte im internationalen Vergleich zusätzlich erhöhen.

Bei Warenkorbvergleichen insbesondere auf internationaler Ebene müsse darum das Einkaufsverhalten der Haushalte als Indikator zukünftig stärker berücksichtigt werden. Bei der Analyse wurden ausschließlich Frischfleisch-Produkte ohne Bio-Siegel berücksichtigt.


Quelle: dpa

Donnerstag, 9. Mai 2019

„Der Lebensmittelverband profiliert sich bisher als Verhinderer gesunder Ernährung“

Zur Ankündigung des Herstellers Iglo, den Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL (Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V.) zu verlassen, kommentiert Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG):
„Wir begrüßen die Entscheidung von Iglo, nicht länger einen Verband zu unterstützen, der die Zeichen der Zeit in Sachen gesunde Ernährung verschlafen hat. Der BLL profiliert sich bislang als Verhinderer vieler wissenschaftlich empfohlener Maßnahmen zur Eindämmung von Übergewicht. Dies wurde zuletzt deutlich bei der Diskussion um den Nutri-Score, der ebenfalls nicht vom BLL unterstützt wird, obwohl bereits fünf deutsche Hersteller, darunter Iglo, das Kennzeichnungssystem eingeführt haben oder dies planen. Iglo zeigt, dass es auch anders geht und die Lebensmittelindustrie Teil der Lösung sein kann und will. Für den BLL muss dies ein Weckruf sein, seine Blockadehaltung in Sachen gesunder Ernährung aufzugeben. Ein konkreter Schritt wäre die Unterstützung des Nutri-Scores als europäische Lösung einer verständlichen Lebensmittelkennzeichnung.“
Kerstin Ullrich Pressestelle
Deutsche Diabetes Gesellschaft

Das große Pflanzensterben trifft uns alle: öffentliche Diskussion zum Artensterben greift zu kurz

Dem am Montag vorgelegten Bericht des Weltbiodiversitätsrats zufolge sind eine Million Pflanzen- und Tierarten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. „Doch die aktuelle mediale, politische und öffentliche Diskussion zum Thema Artensterben greift zu kurz!“ gibt Thomas Borsch, Biologe und Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin der Freien Universität zu bedenken und fordert eine weiterreichende Diskussion zum Artensterben.
„Es geht nicht nur darum, dass eine Millionen Arten komplett von unserem Planeten verschwinden werden. Zugleich erfahren die übrigen Arten massive Verluste ihrer genetischen Vielfalt. Diese ist aber der Garant für ein Überleben der Art – und somit ist das Artensterben noch viel dramatischer, als bislang diskutiert.“ so Thomas Borsch weiter. 
„Alarmierend ist: Auch früher häufigen Pflanzenarten geht es massiv an den Kragen“, weiß Thomas Borsch aus eigener Forschungsarbeit. „Die Intensivierung der Landnutzung aber auch das Ausräumen der Landschaft gerade in den letzten 20 Jahren hat zu einem flächenhaften Verlust vieler Pflanzen und anderer Organismen geführt.“, sagt Thomas Borsch weiter. Ein sichtbares Beispiel ist die als Heilpflanze bekannte Arnika (Arnica montana), die heute nur noch in den Alpen häufig – aber in den Mittelgebirgen selten und im Norddeutschen Tiefland bereits fast ausgestorben ist. Die Forschungsarbeit des Botanischen Gartens Berlin deckte unlängst die dramatische genetische Verarmung der Arnika in Deutschland auf. 

„Es reicht nicht eine Pflanzenart nur dem Namen nach in Deutschland in einem Schutzgebiet oder Botanischen Garten zu erhalten. Die genetische Vielfalt ist wichtig, um der Art wirklich eine Chance zum Überleben zu geben.“, fordert Thomas Borsch. Denn die genetischen Unterschiede innerhalb einer Art sind natürlicherweise groß, je nachdem in welchem Naturraum die Art vorkommt. Das heißt konkret: Die Arnika, die nahe der Ostsee vorkommt ist nicht die gleiche wie in den Mittelgebirgen oder den Alpen. Grund dafür ist die natürliche Evolution, wodurch sich die Pflanzen im Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt regional angepasst haben. Wie bedeutsam diese Unterschiede innerhalb einer Art in Zukunft werden können, begründet Thomas Borsch: „Gerade die Arnika-Pflanzen des Tieflandes kommen mit wärmeren Bedingungen gut zurecht. Aufgrund des Klimawandels könnten gerade diese Vorkommen ein großes Potential für das Überleben der Art haben: die genetische Vielfalt hilft zum Überleben.“

„Das große Pflanzensterben betrifft uns alle. Denn ohne pflanzliche Vielfalt gibt es kein Überleben!“, unterstreicht Thomas Borsch die Bedeutung von Pflanzen als Grundlage der Natur. Pflanzen spielen eine besondere Rolle in Lebensräumen, denn sie produzieren die Biomasse, von der viele andere Organismen abhängen. Das gilt nicht nur für Insekten, sondern auch für unsere Spezies Mensch – Pflanzen sind die Grundlage unserer Ernährung, sie sind unersetzlich als Rohstoffe, in der Medizin und durch ihre Rolle im Naturhaushalt. 

„Der aktuelle Trend, eine wahllos zusammengestellte Tüte mit Pflanzensamen als Beigabe zu Konsumgütern zu legen, um etwas gegen das Insektensterben zu tun, ist wenig hilfreich!“, kritisiert Thomas Borsch. Dies zeigt zwar, dass die Thematik in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Aber es suggeriert vor allem, dass es eine schnelle Lösung zu einem komplexen Problem gibt. Doch die Beruhigung des Gewissens hilft nicht weiter. „Nötig ist ein ganzheitlicher Ansatz und Wissen über Pflanzen und deren Beziehungen zu anderen Organismen, um lokal und regional gute Maßnahmen umsetzen zu können. Wirklicher Insektenschutz muss vor allem heißen, die natürlichen Lebensräume von Insekten zu schützen oder auch wieder herzustellen. Und dabei spielt die für die Insekten wichtige Pflanzenvielfalt eine Schlüsselrolle, denn gerade seltene Insektenarten sind auf seltene Pflanzenarten spezialisiert.“, führt Thomas Borsch weiter aus.
Die Heilpflanze Arnika (Arnica montana) ist in Norddeutschland bereits fast ausgestorben.Die Heilpflanze Arnika (Arnica montana) ist in Norddeutschland bereits fast ausgestorben.                              Foto: V. Duwe / Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin
„Noch ist es nicht zu spät, aber wir können uns keine weiteren Verluste leisten. Und wir müssen alle aktiv werden! Denn der Motor des großen Sterbens ist der Mensch.“ fordert Thomas Borsch. Ein globales Umdenken vor allem beim Konsumverhalten, Lebensstil, Landwirtschaft und Mobilität ist der Hebel, der den Artenschwund stoppen kann. Und letztlich das Wohlergehen aller Menschen sichern. Aktuell ist das wichtigste, die artenreichen Lebensräume und Vorkommen seltener Arten schnell zu sichern, solange sie noch vorhanden sind. Das kann jedoch nur mit Hilfe entsprechender politischer Weichenstellung gelingen. 

Hintergrundinformation:


Biodiversität wird oft gleich gesetzt mit Artenvielfalt, also der Vielfalt unterschiedlicher Organismen in einem Lebensraum oder einer Landschaft. Das ist jedoch nur eine der drei Ebenen. Bedeutsam ist auch die Vielfalt aller Gene innerhalb einer Art (= genetische Vielfalt). Ebenso zählt die Vielfalt der Lebensräume zur Biodiversität. Internationale wie nationale Strategien zum Erhalt der biologischen Vielfalt thematisieren dies – beispielsweise die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt, die vom Bundeskabinett am 7. November 2007 beschlossen wurde. Sie umfassen Ansätze für einen Schutz der genetischen Vielfalt, Artenvielfalt und Lebensraumvielfalt. 

Schon 38 Prozent der Blütenpflanzenarten in Deutschland gefährdet 
In Deutschland hat sich der Anteil von 31% gefährdeter Arten von Blütenpflanzen (also Bäume, Sträucher, Kräuter, Gräser) im Jahre 1998 auf 38% im Jahre 2018 erhöht. Das belegen die Roten Listen, die vom Bundesamt für Naturschutz in Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen und vielen Ehrenamtlichen erstellt werden.

Die Dahlemer Saatgutbank im Botanischen Garten Berlin besteht seit 1994 und ist Deutschlands älteste Wildpflanzen-Saatgutbank. Sie sammelt Saatgut gefährdeter und seltener Wildpflanzenarten für Artenschutzprojekte, Forschung und für den Tausch zwischen Botanischen Gärten. Im Rahmen spezieller Forschungsprojekte, wie dem vom Bundesumweltministerium geförderten Projekt "Wildpflanzenschutz Deutschland II", werden gezielt die 200 Verantwortungsarten (also gefährdete Arten, deren Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland liegt und für die Deutschland daher eine besondere Verantwortung hat) erforscht, gesammelt und bewahrt. In Zusammenarbeit mit Behörden und ehrenamtlichen Naturschützern werden gezielt Samen und Pflanzen gefährdeter Arten vom Wildstandort vom Botanischen Garten Berlin vermehrt und ausgebracht, um die natürlichen Vorkommen vor Ort zu stärken und zu erhalten.
Gesche Hohlstein Pressestelle Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem
Freie Universität Berlin